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Die Ursachen des Konflikts in Nordirland
Am 10.4.1998 wurde nach 22monatigen intensiven Verhandlungen, an denen
alle am Konflikt beteiligten Gruppierungen teilnah-men, in Belfast ein
Friedensplan für Nordirland beschlossen (Northern Ireland Peace Agreement
oder: Good Friday Agreement).
In einem Referendum am 22.5.1998 stimmten in Nordirland 71 Prozent der
Nordiren für das Friedensabkommen. In der Republik Irland lag die
Zustimmung bei 94,4 Prozent. Obwohl es in der letzten Phase der Verhandlungen
zahlreiche politisch motivierte
Morde gegeben hatte, scheint sich doch ein Ende des seit 1969 anhaltenden
blutigen Bürgerkriegs mit mehr als 3 600 Toten ab-zuzeichnen.
The times they are a-changin' - Hoffnung für Nordirland?
Seit dem 2. Dezember 1999 hat die britische Krisenprovinz Nordirland,
die 27 Jahre direkt von London aus verwaltet wurde, wie-der eine eigene
Regierung. In ihr sind - entsprechend dem Ergebnis der Regionalwahlen
im Sommer 1998 - sechs Katholiken und sechs Protestanten vertreten. Doch
der Frieden bleibt gefährdet - noch dominiert auf beiden Seiten das
Mißtrauen. Das irische Parlament in Dublin strich Anfang Dezember
1999 jene zwei Artikel aus der Verfassung, in denen die Republik Irland
Anspruch auf die britische Provinz im Norden der Insel erhob.
Der folgende Text erläutert sehr knapp die Hintergründe und
Ursachen des langwierigen Konflikts.
Seit 800 Jahren haben die Engländer Besatzungstruppen in Irland
stationiert. Iren, die sich gegen die englischen Ero-berer wehrten,
wurden zu Tausenden getötet. So ließ zum Beispiel der berüchtigte
englische Feldherr Cromwell während seines Irlandfeldzuges 1649 allein
in der irischen Stadt Drogheda viertausend Iren abschlachten.
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SCHAUBILD
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Ab Mitte des 17. Jahrhunderts:
Gestützt auf ihre militärische Macht haben die Engländer
eine gezielte Besiedlungsstrategie betrieben. Es wurden englische und
schottische Siedler nach Irland gebracht Ihnen wurde das fruchtbarste
Land der Iren gegeben.
Diese eingewanderten englischen Kolonialherren waren protestantisch. Die
Iren selber waren katholisch. Daraus ergibt sich der Schlüssel zum
Verständnis des irischen Konflikts:
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SCHAUBILD
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"Der entscheidende Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten
war nicht die verschiedene Konfession, sondern es war der Gegensatz zwischen
einheimischen Iren, denen ihr Land weggenommen wurde, und Fremden, die
ihnen das Land wegnah-men." (The Sunday Times)
Der Hass zwischen Räubern und Beraubten ist der eigentliche Grund
der Feindschaft. Er wurde verstärkt durch konfessionelle Polarisierung.
Im Schutz der englischen Militärmacht rissen die protestantischen
Eroberer die Macht an sich und wurden so zur herrschenden Oberschicht.
Seit 1649 waren die Großgrundbesitzer in Irland fast ausschließlich
englisch-schottischer Abstammung.
Exkurs: Die rote Hand ist das Symbol für die Provinz Ulster, die
fast identisch ist mit Nordirland.
Folgende Geschichte wird dazu erzählt:
Der Herrscher im Osten (gemeint ist Britannien) schickte seine beiden
Söhne in den Westen (nach Irland). Derjenige, der seine Hand als
erster auf die Insel legen könnte, würde Herrscher von Irland
sein. Die Söhne segelten auf ihren Schiffen Irland entge-gen, doch
keiner von beiden vermochte den anderen hinter sich zu lassen. Das Ufer
kam näher, die Brüder blieben gleichauf...
Da nahm einer der beiden sein Schwert, hackte sich mit einem kräftigen
Hieb die Hand ab und warf diese blutige Hand ans Ufer. Er war der Sieger...
Diese Legende veranschaulicht, in welch erbitterter Weise der Kampf um
Irland seit jeher geführt wurde.
Die Engländer haben Irland im Laufe der Zeit wie eine Kolonie ausgeplündert.
So haben die Engländer zum Beispiel allein im Jahre 1846 folgende
Getreidemengen aus Irland herausgeholt:
III 1 000 000t Hafer III
140 000t Gerste III 260
000t Weizen
Zur gleichen Zeit war in Irland eine verheerende Hungersnot,
bei der eine Million Iren verhungert sind.
Im Laufe der Geschichte kam es immer wieder zu Aufständen der Iren
gegen die englische Besatzungsmacht. Die Aufstände wurden von den
Engländern brutal niedergeschlagen.Die Forderung der Iren nach Unabhängigkeit
des Landes, nach Abzug der englischen Besatzungsmacht wurden immer stärker.
So wurde es für England immer schwieriger, ganz Irland im Griff zu
be-halten.
Daher änderte England seine Politik. 1920 haben die Engländer
Irland gespalten. Südirland, die heutige Republik Irland, bekam zunächst
nur die eingeschränkte Unabhängigkeit von England zugestanden.
Nordirland, wo die meisten Nachfahren der englischen Eroberer lebten,
blieb weiter bei England als halb-autonome Provinz Ulster.
(Nordirland: 2/3 Protestanten, 1/3 Khatholiken) >>
SCHAUBILD
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Bei der Teilung Irlands sind die Engländer sehr raffiniert vorgegangen.
Sie haben nämlich die Grenze bewußt so gezogen, daß in
Nordirland die protestantischen Nachkommen der englischen Einwanderer
mit zwei Drittel in der Mehrheit sind, aber die katho-lischen Iren mit
einem Drittel in der Minderheit. Deshalb haben die Engländer nicht
die ursprüngliche Provinz Ulster als ganze abge-spalten. Dann wären
nämlich Katholiken und Protestanten zahlenmäßig etwa gleich
stark gewesen.
Wegen dieser raffinierten Grenzziehung konnten England und seine Freunde
in Nordirland allen Volksabstimmungen über die Zukunft Nordirlands
gelassen entgegensehen. Denn die katholischen Iren wollen zwar die Wiedervereinigung
ganz Irlands - aber sie sind ja hoffnungslos in der Minderheit. Die protestantischen
Nachkommen der englischen Eroberer wollen natürlich bei England bleiben.
Die katholischen Iren in Nordirland wurden von der englandfreundlichen
protestantischen Mehrheit systematisch unter-drückt: So sind zum
Beispiel in der Stadt Londonderry die katholischen Iren in der Mehrheit.
Aber die Wahlkreise wurden so raffiniert eingeteilt, daß im Stadtrat
trotzdem eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Protestanten herauskam. Gegen
diese skandalöse Unterdrückung haben sich die katholischen Iren
gewehrt. Die katholische Bürgerrechtsbewegung forderte zum
Beispiel seit 1968: für jeden Bürger eine Wahlstimme.
Bislang war das Wahlrecht nämlich vom Hausbesitz abhängig.
Und Häuser besaßen fast nur die Protestanten. Aber die protestantische
Mehrheit blieb stur und beharrte auf ihren Privilegien. Wegen dieser andauernden
sozialen Diskriminierung der katholischen Iren fand die militante IRA,
die Irisch-Republikanische Armee immer mehr Sympathisanten.
Die IRA wollte mit Gewalt die Wiedervereinigung und die soziale
Gleichberechtigung erzwingen, die von der protes-tantischen Mehrheit
verweigert wurde. Aber wegen des IRA-Terrors schaltete die protestantische
Mehrheit jetzt erst recht auf stur. Es entstand eine bürgerkriegsähnliche
Situation.
In dieser brenzligen Lage setzte England wieder sein Militär ein.
Die Absicht der Engländer war zunächst, die streitenden Parteien
auseinanderzuhalten. Aber jetzt gings erst richtig los.
Die englandtreuen Protestanten fühlten sich von den Engländern
verraten, da die Armee auch gegen Protestanten vorging. Die katholischen
Iren haßten die Engländer in der Erinnerung an die jahrhundertelange
Unterdrückung Irlands und in der Erinnerung daran, daß schließlich
England selber die raffinierte Grenze zwischen Nord- und Südirland
erzwungen hatte.
Deshalb konnte England nicht als neutraler Schiedsrichter erlebt werden.
Deshalb kämpfte die IRA jetzt auch gegen die englische Armee. Daraus
entwickelte sich seit August 1969 eine völlig verfahrene Situation:
III Erstens: Die katholischen
Iren wollten die Engländer verjagen.
III Zweitens: Die Engländer
wollten sich am liebsten aus Nordirland zurückziehen, weil Nordirland
für England keinen Gewinn
mehr brachte, sondern im Gegenteil nur Kosten
und Ärger.
III Drittens: Die protestantischen
Nachkommen der englischen Eroberer aber halten die Engländer fest.
Und dabei pochen die Protestanten auf die Verpflichtungen
eines politischen Zustandes, den England ja selber geschaffen hat:
England sei verpflichtet, für Ruhe zu sorgen in seiner Provinz Nordirland.
Deshalb ist England heute in einer fatalen Zwickmühle, es hat sich
verfangen in einem Netz, das es selber geknüpft hat.
England wird gefesselt von den selbst geschaffenen Tatsachen, von
den blutigen Ergebnissen einer verfehlten Irland-politik. Diese Clinch-Situation
hat im Grunde mit Religionskonflikt nicht viel zu tun.
Dies sind die entsetzlichen Folgen einer jahrhundertelangen englischen
Kolonialpolitik.
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