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Kunst und Propaganda in den Gettos: Die murals von Belfast und Derry        >> ANSICHT WANDGEMÄLDE-THE MURALS

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In den katholischen und protestantischen Wohnvierteln von Belfast und (London) Derry sind sie allgegenwärtig: Großflächige     Wandgemälde, die Hausgiebel und Wände zieren. "Murals" - Mauerbilder - heißen die oft meterhohen Wandgemälde im eng-
    lischen Sprachgebrauch. Die anfängliche Überraschung, die den unvorbereiteten Besucher dieser beiden nordirischen Städte     angesichts der zahlreichen verschiedenartigen murals überkommt, schlägt schnell in ein interessiertes Erkunden um, so viel-     schichtig sind die übermittelten Botschaften und künstlerischen Ausdrucksformen.

Murals gehören zum Alltag in den konfessionell getrennten Wohngebieten von Belfast, Derry und anderen größeren Städten wie Strabane, Ballymena und Coleraine. In ihnen spiegelt sich augenscheinlich der Konflikt in Nordirland wider, der nur bei sehr oberflächlicher oder bewußt vereinfachender Sicht der Dinge ein konfessioneller Konflikt ist. Politische und religiöse Tren-nungen und Gegensätze sind in Nordirland heute fast als synonym zu betrachten. Eine viel größere Rolle als christliche Bekennt-nisse spielen in Nordirland Klassenzugehörigkeit und Verwandtschaften, Herkunft und Erziehung, Wohnviertel und Nachbarschaften, arm und reich. Die murals reflektieren die verschiedenen Dimensionen des nordirischen Konflikts: Auf der einen Seite die politischen und sozialen Ansprüche und Forderungen der immer noch um Gleichberechtigung kämpfenden katholisch-republikanischen Bevölkerungsminderheit, auf der anderen Seite die Parolen der loyalistischen, d.h. "englandtreuen", protestantischen Bevölkerungsmehrheit, die ihre traditionelle, jahrhundertalte Vormachtstellung in Politik, Wirtschaft und Gesell-schaft zäh verteidigt.

Die Wandgemälde in Nordirland - Ausdruck einer geteilten Gesellschaft

Wer heute (London) Derry und Belfast besucht, erfährt die Teilung dieser beiden größten nordirischen Städte ganz konkret. Im Stadtgebiet grenzen sich die konfessionell getrennten Wohngebiete scharf von einander ab. In Westbelfast trennt eine aus EG-Mitteln finanzierte Mauer - beschönigend Peace Line, Friedenslinie, genannt - das protestantische Wohnviertel Shankill vom katholischen Falls.
                                                                                                                                                                                  >> BELFAST PLAN

Bereits lange vor Ausbruch der terroristischen Auseinandersetzungen im Jahre 1969 war die nordirische Gesellschaft tief ge-spalten. Im Bewußtsein der Bevölkerung existierten immer scharfe Grenzlinien, die kaum überschritten wurden und selbst von den Kindern im Spiel respektiert wurden. Die konfessionelle Segregation begann bereits im 19. Jahrhundert als mit der begin- nenden Industrialisierung im Raum Belfast - weniger ausgeprägt in (London) Derry - immer mehr Iren als Arbeitskräfte vom Land
in die Stadt zogen und der Anteil der katholischen Einwohner Belfasts auf über 30 Prozent stieg. Schon Mitte des vorigen Jahr-hunderts herrschte eine fast vollkommene konfessionelle Trennung der Wohnbezirke, die dadurch verstärkt wurde, daß konfes-sionelle Minderheiten gezwungen wurden, in Wohngebiete mit der jeweiligen konfessionellen Mehrheit umzuziehen. Der Haupt-grund für diese räumliche Trennung der Konfessionen lag und liegt in der Zuteilung der kommunalen Mietwohnungen. In den letzten Jahren hat die Tendenz zur räumlichen Trennung noch zugenommen. Die geographische Teilung der Städte spiegelt die Unmöglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens der beiden Bevölkerungsteile wider, da eine grundlegende Übereinstimmung über die Bedingungen des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens weitgehend fehlt. Die nordirische Bevölkerung lebt in zwei völlig getrennten Welten, die von unterschiedlichen Wertvorstellungen und politischen Zielsetzungen geprägt werden. Im Bewußtsein und im politischen Handeln der beiden Bevölkerungsgruppen treten daher stark sektiererische Züge hervor. Die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre hat vieles in Gang gesetzt und die für Nordirland zuständigen britischen Behörden beteuern, daß die schlimmsten Diskriminierungen der Katholiken abgebaut wurden und heute eine Politik der Chancengleichheit verfolgt würde. Aber die jahrhundertewährende Diskriminierung läßt sich nicht von heute auf morgen innerhalb weniger Jahre beseitigen, selbst guter Wille hilft wenig gegen tiefverwurzeltes Mißtrauen. Unter diesen Bedingungen werden die Wandgemälde gleichsam weithin sichtbare Signale, die die Grenzlinien der streng abgegrenzten Aktionsräume markieren.
Wandgemälde als "politische Kultur von unten"


Wandmalereien sind so alt wie die Menschheit. Großflächige, politisch motivierte Wandgemälde sind allerdings erst in neuerer Zeit entstanden. Erinnert sei an die Wandfresken des mexikanischen Malers Diego Rivera. In den Gettos mexikanischer Einwanderer nordamerikanischer Großstädte wie Los Angeles haben Künstler diese Tradition heute wiederbelebt. Wandgemälde findet man heute vor allem in amerikanischen und westeuropäischen Großstädten, sie entstanden ferner in Chile während der Allende-Zeit und in Portugal während der Revolution 1975. Entlang der Berliner Mauer blühte die Kultur der Mauerbilder seit Mitte der 80er Jahre.

Offensichtlich entstehen und gedeihen Wandmalereien in sozialen und politischen Umbruchsituationen oder aber sie sind einfach Ausdruck bestimmter diffuser Protestbewegungen, deren Parolen sie oft bildhaft umsetzen. Wandgemälde können als der Versuch von Minoritäten gedeutet werden, ihr kulturelles Erbe und ihre Identität zu bewahren. Wandmalereien sind Ausdruck einer oft anonymen "Kultur von unten", sie sind durch ihre große Anzahl von Beschauern Bestandteil einer öffentlichen, demokratischen Massenkultur. In ihrer einseitigen parteilichen Stellungnahme und ihrer radikalen Vereinfachung sind sie politisch hochinteressant, da sie keinerlei Forderungen nach Ausgewogenheit unterliegen und unzensiert erscheinen. Sie treiben auf die Spitze und legen sichtbar Zeugnis davon ab, daß bestimmte (radikale) politische Positionen in den etablierten Massenmedien völlig unberücksichtigt bleiben oder unterdrückt werden. Die Wandmalereien greifen mit ihren Feindbildern und Tabuverletzungen die bestehenden politischen Verhältnisse ihrer Zeit radikal an. Die wichtigste Funktion der murals ist, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen und den Bewohnern der community eine Orientierungshilfe in politischen und sozialen Fragestellungen anzubieten.

Die Bewohner der Stadtviertel sind stolz auf "ihre" murals; sie werden vor Beschädigungen geschützt und in Ge-meinschaftsarbeit restauriert. Die murals sind unverwechselbare Markierungen und Orientierungspunkte im Stadtbild, man begrüßt sie als alte Bekannte. Sie prangen an besonders markanten Giebeln, man begegnet ihnen auf dem Weg zum Einkauf, auf dem Weg zur Arbeit. Die murals erzielen ihre Wirkung durch den Kontrast zum Standort und ihren tristen, unbemalten Nachbarn. Die murals haben oft nur eine relativ kurze Lebensdauer: Die Farbe blättert ab, sie werden beschädigt, andere wiederum werden durch Übermalen aktualisiert. Die murals haben meist einen einseitig radikalen und somit oft einen geradezu "illegalen" Charakter, sie werden von den Behörden jedoch geduldet. So ist es "normal", daß die nordirische Polizei (RUC) oder die britische Armee an murals mit radikalen IRA-Parolen vorbei Patrouille fährt. In Derry und Belfast findet man die Wandgemälde nur in den ärmeren und ausschließlich katholischen und protestantischen Wohnvierteln, fast ausnahmslos eintönige Reihenhaussiedlungen oder graue Betonwohnklötze. Offensichtlich ist hier die kollektive Erfahrung von Unterdrückung, sozialer Benachteiligung und Diskriminierung besonders intensiv. In den konfessionell gemischten Wohngebieten sind keine murals zu finden. Die murals sind sichtbare Abgrenzung der Wohngettos im "sectarian state". Neben den murals gibt es noch die überall flüchtig hingesprühten und hingepinselten Graffitis.

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